Letter from a Guarani Woman in Search of the Land Without Evil

Ich glaube, ihr hättet tatsächlich gerne, dass wir nicht existierten. Es wäre euch lieber, wir wären nicht hier gewesen, als ihr kamt.

Zitat aus Teko Haxy (Being Imperfect)

Jeguatá bezeichnet die Reise von Dorf zu Dorf, mit Booten, Bussen oder auf langen Wanderungen durch Länder, Flüsse und Straßen entlang auf der Suche nach einem irdischen Paradies. Sie vermisst ein imaginäres Territorium ohne Grenzen oder festen Wohnsitz und geht über die kolonialen Grenzziehungen hinaus, die Brasilien, Argentinien, Paraguay und Bolivien voneinander trennen: Länder, in denen sich die Guaraní vor der Ankunft der Europäer*innen frei bewegten. Die Jeguatá erneuert diese mystische und politische Wanderung, stärkt soziale Netzwerke, die Kultur des Geschichtenerzählungen sowie den Austausch von Gütern und Samengut, die diesen spirituellen Weg zum Land ohne Übel nähren.

LETTER FROM A GUARANÍ WOMAN IN SEARCH OF THE LAND WITHOUT EVIL zeigt Werke von Patricia Ferreira Pará Yxapy, eine der engagiertesten Frauen unter den indigenen Filmschaffenden in Brasilien. Die Einzelausstellung ist von der Vertreibung der Guaraní und ihrer Suche nach einem utopischen Land inspiriert. Von dem Moment an, als die Europäer*innen den Atlantik überquerten, wurde diese mythologische Erzählung zur Anima des Widerstandsdiskurses. Mit der Amtseinführung der neuen brasilianischen Regierung im Januar 2019 nahm der Kampf eine deutlich dramatische Wende und schürt Angst vor dem, was indigene Anführer*innen als „geplante Hekatombe“ bezeichnen, „in der die brasilianische indigene Bevölkerung geopfert wird“. Die zunehmenden Bedrohungen durch Landinvasion, illegale Abholzung sowie rücksichtslose Agrarwirtschaft und Regierungsstrategien, die die Augen vor einem indigenen Völkermord verschließt, beunruhigen Patricías Seele und verletzen ihren Körper – ein Schmerz, den sie in künstlerische Praxis verwandelt. "Kunst von indigenen Künstler*innen für die indigene Bevölkerungen", sagt sie. „Dies ist Teil eines Dekolonisierungsprozesses.“

Allmählich hat sich die Kamera als Werkzeug der Kunst und des Widerstands unter indigenen brasilianischen Bevölkerungen etabliert. Bisher sind an diesem Kampf nur wenige Frauen beteiligt: ​​Patricía ist eine von drei Filmemacherinnen in einem Universum, das nach wie vor von Männern dominiert wird. Zusammen mit dem Mbyá-Guarani Cinema Collective und der NGO Video nas Aldeias hat sie in den letzten fünfzehn Jahren zahlreiche Film- und Videoarbeiten realisiert.

Die Einzelausstellung bei SAVVY Contemporary, kuratiert von der brasilianischen Filmemacherin und Videokünstlerin Anna Azevedo, präsentiert eine Auswahl neuer Werke von Patricia Ferreira Pará Yxapy und legt dabei besonderen Fokus auf das Archiv, das ihrer audiovisuellen Reise zugrundeliegt. Videoinstallationen, Photographien, Zeichnungen, Skulpturen, Kunsthandwerk, Film- und Tonausschnitte präsentieren Briefe einer indigenen Frau adressiert an die Juruá, die Nichtindigenen. Patrícia kommt in ihnen vor, sowohl als Künstlerin als auch als Subjekt. Intime, zarte und schmerzhafte Gedanken reflektieren über das Weibliche, über Spiritualität, Kolonialisierung und die Beziehung zu Land.

PATRICIA FERREIRA PARÁ YXAPY wurde 1985 in Kunha Piru an der argentinisch-brasilianischen Grenze in Misiones geboren. Mit 13 Jahren überquerte sie die Grenze, um in Salto do Jacuí, Brasilien, zu leben. Seit 2000 lebt sie in Koenju. Nach Teilnahme an einem Workshop von Video nas Aldeias im Jahr 2007 gründete sie das Mbyá-Guarani Cinema Collective, das sich der Produktion von Videos und visueller Kunst mit einem Schwerpunkt auf Guaraní-Kultur widmet. 2014 und 2015 arbeitete sie mit indigenen Inuit-Filmemacher*innen im Rahmen einer Künstler*innen Residenz in Kanada. Mit dem MBYA-GUARANI CINEMA COLLECTIVE realisierte Patricia Ferreira Pará Yxapy als Co-Regisseurin Bicicletas de Nhanderu (46', 2011), Mbya-Mirim (2013), Desterro Guarani (38', 2011) und No Caminho com Mario [Unterwegs mit Mario] (20 ', 2014). Mit Vincent Carelli, Ernesto de Carvalho und Ariel Ortega, Tava: A Casa de Pedra (78', 24', 2012). Mit Sophia Pinheiro, Teko Haxy [Being Imperfect] (39', 2018). Sie arbeitet derzeit mit Ana Carvalho und Tita an ihrem ersten Spielfilm Para Rete, einem intimen Porträt ihrer Mutter Elsa.

ANNA AZEVEDO ist eine brasilianische Filmemacherin, Künstlerin, Journalistin und Kuratorin, die in Rio de Janeiro lebt und arbeitet. Als Berlinale Talent gewann sie 2006 mit ihrem Film BerlinBall den Berlin Today Award. 2008 erschien Dreznica in der Berlinale Shorts Session und 2017 nahm In Search of the Land Without Evil am Berlinale Generation Programm teil. Sie hat über 15 lange und kurze Dokumentarfilme gedreht. 2018 war sie Artist in Residence des „Living Archive“ Programms des Arsenal – Institut für Film- und Videokunst.

1

Teko Haxy (Being Imperfect), directed by Patricia Ferreira Pará Yxapy and Sophia Pinheiro, Brazil: Mbya-Guarani Cinema Collective and Piragüi, 2018.

2

“Letter from Indigenous Blood, Not a Single Drop More to Pope Francisco,” APIB, October 21, 2019: http://apib.info/2019/10/23/letter-from-indigenous-blood-not-a-single-drop-more-to-pope-francisco.