shadow Circus

Tibet ist seit der Invasion durch das kommunistische China im Jahr 1949 ein besetztes Land. Die Ausstellung Shadow Circus widmet sich einem übersehenen Kapitel in der jüngeren Geschichte Tibets: dem bewaffneten Kampf um Freiheit, der spontan als Reaktion auf die chinesische Aggression ausbrach, und sich dann durch die Beteiligung der CIA 1956 in die globale Geopolitik verstrickte. Unter dem Codenamen ‘ST Circus’ war dies eine der am längsten laufenden verdeckten Operationen der CIA, bis sie Ende der 60er Jahre abrupt aufgegeben wurde.

Die Filmemacher Ritu Sarin und Tenzing Sonam haben diese Thematik viele Jahre lang untersucht und einen von der BBC in Auftrag gegebenen Dokumentarfilm – The Shadow Circus: The CIA in Tibet (1998) – gedreht, der sich auf die Unterstützung sowie den Verrat der CIA an den tibetischen Freiheitskämpfern konzentrierte. Inspiriert wurden sie von Tenzings Vater, Lhamo Tsering, einem der Führer des Widerstandes und die wichtigste Verbindung zwischen Tibetern und der CIA.

In der Ausstellung SHADOW CIRCUS evaluieren sie das audiovisuelle Material, das sie im Laufe der Jahre gesammelt haben, neu und präsentieren erstmals eine nachbearbeitete Version ihres Dokumentarfilms, zusammen mit Fotos, Dokumenten, Briefen, CIA-Überwachungskarten von Tibet und Auszügen aus Interviews mit ehemaligen CIA-Agenten und Guerillakämpfern.

Die Epoche des Kalten Krieges wird innerhalb eines dritten Raumes als "unbequeme Allianz" jenseits von geopolitischen Machtblöcke und bilateralen Beziehungen navigiert, um Formen der Informationsbeschaffung, der Guerilla-Kriegsführung und des verdeckten Widerstands in Tibet zu untersuchen, die bis heute als Teil eines unvollendeten Freiheitsprojekts nachklingen.

Die Filmemacher stellen die subjektive Position eines Vermittlers zwischen der CIA und Mitgliedern der Mustang Resistance Force in den Vordergrund: Lhamo Tsering, dessen persönliches Archiv aufbereitet wird, um sich der Komplexität eines besetzten Gebietes zu stellen, in welchem individuelle Bestrebungen und nationale Interessen keine symmetrische historische Entwicklung anbieten.

Die ungeklärte Art des militanten Bildes und seine Zirkulationsethik sind wichtige Untersuchungsobjekte während dieser entscheidenden Zeit in Tibets bewaffneter Befreiungsbewegung und internationalem ‘Bündnisaufbau’, zu welcher auch einer der am stärksten vernetzten Geheimdienste weltweit und dessen ultimativer Verrat gehören. Der Verrat des tibetischen Kampfes durch die CIA war eine selbstverständliche Konsequenz, aber die zutiefst persönlichen und dauerhaften emotionalen Bindungen, die sich zwischen tibetischen Widerstandskämpfern und ihren CIA-Ausbildern im Laufe ihrer kurzen und unwahrscheinlichen Begegnung gebildet haben, trübt vorgefasste Vorstellungen von Machtverhältnissen und erfordert eine andere Art der Untersuchung.

Der Fotografiekritiker und Autor Teju Cole schreibt: "In einer Zeit der Überwachung und des Heimlichtuens sind angeschaut und gesehen werden weit voneinander entfernt und oft das genaue Gegenteil. Schauen ist extrahierend, aber Sehen ist relational. Das Überleben hängt davon ab, den Unterschied zu kennen." Es ist diese Schwelle von Unsichtbarkeit und Erkennbarkeit, die durch die Kommentierung geheimer Allianzen aus dem Inneren einer Rebellion heraus belebt wird; es gibt nur einen sich verschiebenden Boden und die Tarnung einer rebellischen Identität mit taktischem Handbuch, geliehenen Namen und einem Leben an der Grenze. Wir fragen uns, wie diese archivarischen Beweise durch die Extraktion neuer Formen kollektiver Erkenntnis Machtausübung hinterfragen können, als Gegenpunkt zur extraktiven Bedingung der Überwachung durch die Weltmächte. Wie betrachten wir diese verschleierte Linie der Dekolonisation in einer Welt nach dem Kalten Krieg, die voller nationalistischer Pläne ist?

 

Ritu Sarin und Tenzing Sonam arbeiten seit ihrer Studienzeit in der San Francisco Bay Area zusammen. Sie haben viele Jahre in London gelebt und als unabhängige Filmemacher gearbeitet, bevor sie 1996 nach Indien zurückkehrten. Derzeit arbeiten sie in Dharamshala. Tibet ist ein wiederkehrendes Thema in ihrer künstlerischen Arbeit durch ein intimes Engagement auf verschiedenen Ebenen: persönlich, politisch und künstlerisch. Sarin und Sonam haben mit ihren Filmen und künstlerischen Arbeiten versucht, die Fragen von Exil, Identität, Kultur und Nationalismus, mit denen das tibetische Volk konfrontiert wird, zu dokumentieren, zu hinterfragen und zu reflektieren. Ein weiteres anhaltendes Anliegen ist die globalisierungsbedingte Transformation und Mutation traditioneller Gesellschaften.

Sie haben mehrere preisgekrönte Dokumentarfilme und Videoinstallationen verwirklicht. Ihr Dokumentarfilm The Sun Behind the Clouds (2009) gewann den Vaclav-Havel-Preis beim One World Film Festival in Prag. Sie realisierten auch den Spielfilm Dreaming Lhasa (2005), produziert von Jeremy Thomas und Richard Gere, der beim Toronto International Film Festival 2006 Premiere feierte. Ihre Videoinstallationen wurden unter anderem bei der Contour Biennale 8, der Busan Biennale, dem Mori Art Museum, Thyssen-Bornemisza Art Contemporary (Wien) und den Khoj Studios (Delhi) gezeigt. Ihr jüngstes Werk, The Sweet Requiem, ist ein narrativer Spielfilm, der auf dem Toronto International Film Festival 2018 Premiere feierte. Sarin und Sonam sind auch die Gründer und Direktoren des Dharamshala International Film Festival, das sie 2012 gegründet haben und heute eines der führenden unabhängigen Filmfestivals Indiens ist.

Natasha Ginwalaist Kuratorin und Autorin. Sie ist Associate Curator am Gropius Bau, Berlin und Festival-Kuratorin, COLOMBOSCOPE (2019), Colombo. Ginwala hat die Contour Biennale 8, Polyphonic Worlds: Justice as Medium kuratiert und war Kuratorische Beraterin für die documenta 14, 2017. Zu ihren aktuellen Projekten gehören Arrival, Incision. Indische Moderne als peripatetische Reiseroute im Rahmen von "Hello World. Überarbeitung einer Sammlung" im Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart, Berlin, 2018; Riots: Slow Cancellation of the Future in den ifa-Galerien Berlin und Stuttgart, 2018; My East is Your West auf der 56. Biennale Venedig, 2015; und Corruption: Everybody Knows... mit e-flux, New York, 2015. Ginwala war Mitglied des künstlerischen Teams der 8. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst, 2014, und hat The Museum of Rhythm, bei der Taipei Biennale 2012 und im Muzeum Sztuki, Łódź, 2016-17, mitkuratiert. Von 2013-15 leitete sie in Zusammenarbeit mit Vivian Ziherl das mehrteilige kuratorische Projekt Landings, das bei verschiedenen Partnerorganisationen ausgestellt wurde. Ginwala schreibt in verschiedenen Zeitschriften über zeitgenössische Kunst und visuelle Kultur und hat an zahlreichen Publikationen mitgewirkt. Ginwala hat im Jahr 2018 das Forschungsstipendium 2018 der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa inne.