Architektonische Ökotone.
Eine Poetik des Drumherum

TAKEOVER, AUSSTELLUNG, ÖFFENTLICHES PROGRAMM
MIT Vilanismo und Helcio Barros [Ehrenmitglied bei der Bruderschaft]
ERÖFFNUNG 10.09.2026 19:00
ZU SEHEN 11.09.–22.11.2026 Donnerstag–Sonntag 14:00–19:00
FREIER EINTRITT Spenden erwünscht
BESUCH SAVVY ist mit dem Rollstuhl zugänglich
Echo, Nomen
ein Widerhall eines Schalls
eine mitfühlende oder identische Reaktion beispielsweise auf geäußerte Gefühle
eine anhaltende Wirkung oder Spur
Ökoton, Nomen
Übergangsbereich zwischen zwei verschiedenen Ökosystemen oder Lebensräumen
ARCHITECTURAL ECHOTONES. A POETICS OF THE SURROUNDS (Architektonische Ökotone. Eine Poetik des Drumherum) ist ein von SAVVY Contemporary im Rahmen der Wanderausstellung der 36. Biennale von São Paulo in Berlin konzipiertes Projekt, das das brasilianische Kollektiv Vilanismo einlädt, den Kunstraum in Wedding zu übernehmen. Als „Tributary“, einer der konzeptionellen Achsen der Biennale, schließt sich das Projekt einem Chor von Stimmen an, der weiter über eine zentrale Frage der Biennale nachdenkt: Wie können wir „Humanität“ als Verb und als lebendige Praxis neu denken, die vorherrschende Asymmetrien neu verhandeln und aubbauen kann?
ARCHITECTURAL ECHOTONES lädt das Künstlerkollektiv Vilanismo, das bereits an der Ausgabe in São Paulo teilnahm, ein, seine Werke erstmals in Berlin zu präsentieren. Vilanismo wurde 2021 in São Paulo gegründet und ist eine Bruderschaft aus zehn Schwarzen Künstlern, die alle in verschiedenen Randgebieten der Stadt leben. Die Gruppe hat sich nicht nur als künstlerisches Kollektiv, sondern auch als Gegenbewegung etabliert. In einem Klima der Ausgrenzung und Ausbeutung versuchen sie, historische Stereotype, die Schwarzen Körpern auferlegt werden, in Frage zu stellen und Räume des Widerstands und der Begegnung zu schaffen, die in afro-indigenen Wissenssystemen verwurzelt sind.
Angelehnt an den Untertitel von SAVVY Contemporary als „Laboratorium für Form-Ideen“ und an die gemeinsamen Interessen beider Institutionen an räumlichen Strategien ist das Projekt nicht als bloße Ausstellung konzipiert, die (Kunst-)Werke als fertige Produkte präsentiert, sondern vielmehr als ein Labor, das Vilanismo dazu einlädt, die Berliner Räumlichkeiten zu übernehmen und sie als Ort des Experimentierens zu nutzen – als einen Ort, an dem Veränderungen stattfinden und der nach den Vorstellungen der ihn ihm anwesenden Menschen gestaltet wird. So wird SAVVY Contemporary zu einem Lebensraum, einem Arbeitsatelier, einer Galerie – einem Resonanzraum, der im Rhythmus der sozialen, politischen und künstlerischen Praktiken von Vilanismo in ihrer Heimatstadt São Paulo pulsiert und Besucher:innen dazu einlädt, in Berlin in eine resonante Geste einzutauchen, die zwischen beiden Städten widerhallt.
THE SURROUNDS / DAS DRUMHERUM
Zentral für ARCHITECTURAL ECHOTONES sind Überlegungen zum "Widerhallen“ oder „Miteinander in Beziehung Stehen“. Aus städteplanerischer Sicht weisen sowohl Vilanismo – das vorwiegend in den Außenbezirken tätig ist – als auch SAVVY Contemporary im Randbezirk Wedding Gemeinsamkeiten auf, die auf ihrer jeweiligen geografischen Lage in São Paulo beziehungsweise Berlin beruhen. Ob in den Peripherien, Banlieues, Barrios Marginales oder Favelas, wie sie in anderen Ländern genannt werden: Die Bewohner:innen dieser großen Siedlungen, die oft im Europa der Nachkriegszeit und in jüngerer Zeit in Teilen des Globalen Südens entstanden sind, um die alarmierenden Wohnungskrisen oder den demografischen Boom zu bewältigen, leiden in verschiedenen Gesellschaften zunehmend unter Stigmatisierung. Das allmähliche Einziehen neuer Begriffe wie „Brennpunktviertel“ in Deutschland oder „Achterstandswijk“ in den Niederlanden hat diese Stigmatisierungen in der öffentlichen Meinung weiter verfestigt, sodass ein sozialer Aufstieg für die Bewohner:innen dieser Stadtteile oft unvorstellbar erscheint.
Im Austausch mit Vilanismo nähert sich SAVVY Contemporary dieser gemeinsamen peripheren und situierten Perspektive an und erobert die "Ränder" als politische Zentren zurück. Wir finden diese Gemeinsamkeiten in den Worten des Philosophen und Urbanisten AbdouMaliq Simone wieder, der in seinem Buch The Surrounds: Urban Life within and beyond Capture herausarbeitet, dass die Peripherien (oder „Surrounds“, wie er sie nennt) städtische Räume jenseits von Kontrolle und Vereinnahmung sind, die als Orte der Rebellion und Erfindung existieren. So ziehen wir Parallelen zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen dem Widerstand der Arbeiter:innenklasse im damaligen Roten Wedding und dem Movimento dos Trabalhadores Sem Teto in São Paulo, und stellen die grundlegende Frage: Was bedeutet es, die „Surrounds“, die Drumherums, zu bewohnen und dort kulturelle Arbeit zu leisten?
AUSSTELLUNG UND ÖFFENTLICHES PROGRAMM
ARCHITECTURAL ECHOTONES. A POETICS OF THE SURROUNDS bringt eine Vielzahl von Kunstformen zusammen – darunter Installationen, Gemälde, Zeichnungen, Videoarbeiten und Performances – und ruft zu kollektivem Handeln und gemeinsamer Reflexion auf. Im Einklang mit dem Engagement von SAVVY, sowohl ein lokales Publikum – aus verschiedenen Altersgruppen, sozialen Hintergründen und Lebensläufen – als auch ein internationales Publikum anzusprechen, gliedert sich das Projekt in eine Ausstellung, ein öffentliches Programm, das auch die einzelnen Säulen von SAVVY, wie die Bibliothek und das Radio, mit einbezieht, Workshops zu Vilanismos kuratorischem Ansatz “curadoTRETA” sowie Online-Interventionen.

Vilanismo ist eine 2021 gegründete Bruderschaft von zehn Schwarzen Künstlern, deren kollektives Schaffen sich durch künstlerische und kuratorische Aktionen mit Fragen von Rassifizierung, Gender und Klasse auseinandersetzt. Indem sie den Begriff „vilão“ („Bösewicht“) symbolisch zurückerobert, greift die Gruppe auf Bezüge zur Kultur der Peripherie, zu Schwarzer Männlichkeit, zum Wissen der Vorfahr:innen und zu afro-indigenen Erfahrungen zurück, um eine ästhetische und politische Praxis zu entwickeln, in deren Mittelpunkt Widerstand, Autonomie und kollektive Selbstbestätigung stehen. Das Kollektiv besteht zum aktuellen Zeitpunkt aus Ayọ̀kàndé, Carinhoso, Denis Moreira, Diego Crux, Guto Oca, Rafa Black, Ramo, Renan Teles, Robson Marques und Rodrigo Zaim..
2025 nahmen sie an der 36. Biennale von São Paulo teil, 2026 waren sie als Sonderprojekt zur 1-54 New York Contemporary African Art Fair eingeladen.
Bei dieser Ausstellung wird Vilanismo von diesen Ehren-"Bösewichten" unterstützt: Helcio Barros, Douglas Paiva und das Terça-Kollektiv – Andreza Delgado, Maria Trindade, Janaína Maria, Luan Cruz, Caroline Sou Cor und Julia Beatriz.
Team
KONZEPT & KURATION Billy Fowo
PROJEKTMANAGEMENT Lynhan Balatbat-Helbock Anna Fasolato
GESAMTMANAGEMENT Lema Sikod
KOMMUNIKATION & Übersetzung Anna Jäger
BUCHHALTUNG Matthias Rademacher
PRAKTIKUM Keren Aganyi
ZUSAMMENARBEIT Das Projekt ist Teil des von der Fundação Bienal de São Paulo im Jahr 2011 ins Leben gerufenen Programms der "reisenden Ausstellungen". Die reisenden Ausstellungen haben sich zu einer wesentlichen Erweiterung der Bienal de São Paulo entwickelt: sie ermöglichen es, die im Cicillo Matarazzo Pavillon gezeigten Arbeiten und Debatten im Dialog mit verschiedenen lokalen Kontexten neu zu konfigurieren und aktivieren so neue Lesarten und Beziehungen zu diversen Publika jenseits der Hauptausstellung. Im Rahmen der 36. Ausgabe der Biennale erreicht diese Bewegung fünfzehn neue Örtlichkeiten in Brasilien und international.
UNTERSTÜTZUNG Das Projekt wird von der Fundação Bienal de São Paulo, der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und gesellschaftlichen Zusammenhalt, SAVVY friends e.V., der Zielinsky Gallery sowie privaten Spender:innen unterstützt.

Die Eröffnung von Architectural Echotones. A Poetics Of The Surrounds findet im Rahmen der Berlin Art Week statt.

FOTOS Visual von Rodrigo Zaim, Portrait des Kollektivs von Jardiel Carvalho