THE LONG TERM YOU CANNOT AFFORD.
Zur Verbreitung 
des Toxischen

Die sich verstärkenden Ausprägungen toxischer Zerstörung in marginalisierten und segregierten Gemeinschaften, und auf lange Sicht des Gesamtsystems der Erde, haben zunehmend die Aufmerksamkeit von Künstler*innen, Kulturschaffenden und generell von Personen und Gruppen aus verschiedenen Lebensbereichen auf sich gezogen, die auf vielfältige Weise die systemischen Gegebenheiten der toxischen Verbreitung entwirren, indem sie Quellen, Verläufe und Auswirkungen auf globaler Ebene nachverfolgen und analysieren.

Strukturelle Ungleichheit hat einen Tauschmarkt produziert, der es dem globalen Norden ermöglicht, schmutzige Prozesse und gefährliche Materialien in den globalen Süden zu exportieren, oder „auszulagern,“ zu Lasten unkalkulierbarer Umweltgefahren und Risiken für die öffentliche Gesundheit auf der Empfängerseite. Gleichzeitig ermöglichen schwache Gesetze, Korruption, unzureichende Überwachung sowie ausbeuterische und opportunistische Unternehmenspolitiken die fortwährende und heimtückische Verbreitung einer Zerstörung durch Giftstoffe. Asymmetrische Machtverhältnisse und programmatische Auslöschungen ermöglichen es den Bürger*innen großer Umweltverschmutzungsländer, die Folgen ihrer nicht nachhaltigen Lebensweise zu vernachlässigen. Ein entscheidendes Problem hierbei ist, dass diese Verbreitung von Giftstoffen langsam und unspektakulär ist. Die oft nicht quantifizierbaren Schäden, die durch das Gift hervorgerufen werden, übersteigen die meisten räumlichen und zeitlichen Vorstellungen, die uns Menschen bisher bekannt sind. Dabei wird die Mehrheit der Opfer, menschliche wie nicht-menschliche, systematisch nicht berücksichtigt.

Das dritte Kapitel unserer Langzeituntersuchung THE INVENTION OF SCIENCE  befasst sich in dieser Forschungsausstellung und diskursiven Programm mit der aktuellen Politik des giftigen (Abfall–)Handels und dessen Wirtschaft im Kontext des racial Kapitalozäns. Wie Françoise Vergès schreibt, handelt es sich um „eine Verbindung (…) zwischen dem westlichen Naturverständnis als „billig “und der globalen Organisation von „billigen,“ rassistisch kategorisierten und austauschbaren Arbeitskräften“ [1] und der ungleichen und zutiefst rassistischen Verteilung von Umweltkatastrophen. Mit diesem Projekt bemühen wir uns, die Vorstellung dessen, was als Giftstoff verstanden und wahrgenommen wird, über das wissenschaftliche Paradigma hinaus zu erweitern und stattdessen in einen anderen epistemologischen Bereich zu gehen, welcher mit einer Vielzahl von Systemen des Glaubens, der Wahrnehmung und der Wissensproduktion zusammenhängt.

1

Françoise Vergès, "Racial Capitalocene. Is the Anthropocene Racial?", in: Futures of Black Radicalism, Edited by Gaye Theresa Johnson and Alex Lubin, Verso Books, 2017.