Asiatische Präsenzen in der Kolonialmetropole Berlin

Wir freuen uns darauf, das neue Buch von Kien Nghi Ha bei SAVVY vorzustellen und mit dem Herausgeber sowie mit den Autorinnen Yumin Li, Linh Müller und Irit Neidhart zu besprechen. 

Der Band untersucht anhand kolonial-kritischer Filmanalysen die nahezu unbekannte Geschichte Asiatischer Repräsentationen in Deutschland. Der Fokus liegt auf orientalisierenden deutschen Kinofilmen der Weimarer Zwischenkriegszeit. Nach dem Ende des Imperial Germany wurden Deutschlands kolonial-rassistische Fantasien und Ambitionen verstärkt in eine imaginäre Kolonialität überführt. Ihre filmischen Inszenierungen begeisterten ein Massenpublikum. Die Filmkulisse, aber auch ihre Produktion und Konsumtion wurden selbst zum kulturellen Kolonialraum. Ihre Popularität ist Ausweis ihrer gesellschaftlichen und zeithistorischen Bedeutsamkeit.

Im Unterschied zur dominanten Wahrnehmung, in der Berlin aufgrund der „Goldenen Zwanziger“ als europäische Kultur- und Filmstadt von Weltrang gefeiert wird, setzt das Buch auf dekolonialisierende Perspektiven. In eurozentrischen Diskursen wird systematisch verdrängt, dass sich unter der Oberfläche der modernen Urbanität ein „wildes Kulturleben“ verbirgt, das durch koloniale Verstrickungen und Exotisierungen geprägt ist. Die filmischen Arbeiten etwa von Hito Steyerl und Philip Scheffner machen dagegen vergessene (Ge)Schichten und Dimensionen der Kolonialmetropole Berlin sichtbar.

Das Buch erweitert die dekoloniale Debatte und stellt anti-Asiatischen Rassismus und Orientalismus in den Fokus. Es leistet Pionierarbeit, indem es die „Weltmetropole Berlin“ als kolonialen Kulturraum mit (anti-)Asiatischen Bezügen erforscht.
 

Kien Nghi Haist promovierter Kultur- und Politikwissenschaftler und leitet den Arbeitsbereich Postcolonial Asian German Studies an der Universität Tübingen. Er hat an der New York University sowie an den Universitäten in Bremen, Heidelberg und Bayreuth geforscht und wurde mit dem Augsburger Wissenschaftspreis für Interkulturelle Studien ausgezeichnet. Als Kurator hat er u.a. im Berliner Haus der Kulturen der Welt, im Hebbel am Ufer-Theater und im Sinema Transtopia verschiedene Projekte über Asiatische Diaspora realisiert. Er hat mehr als zehn Bücher zu postkolonialer Kritik, Rassismus, Migration und Asian Diaspora geschrieben und editiert. Zuletzt ist der Sammelband Asiatische Deutsche Extended. Vietnamesische Diaspora and Beyond (Assoziation A 2021) als erweiterte Neuauflage erschienen. 2025 gibt er den Band Anti-Asian Racism in Transatlantic Perspectives: History, Theory, Cultural Representations and Social Movements (transcript) heraus.