HOW WILL YOU ASCERTAIN TIME?

HOW WILL YOU ASCERTAIN TIME? denkt über das Warten nach. Dabei stützt es sich auf Sharhram Khosravis Werk und schlägt vor, die Zeit durch das Prisma des Wartens zu betrachten. Warten ist eine nicht-lineare Erfahrung von Zeit, die selbst weder Anfang noch Ende hat. Warten ist ein Zustand, der an der Peripherie der kolonialen Zeit liegt, die als Mechanismus zur Ausübung von Autorität aufgezwungen und in die Länge gezogen wurde. Dabei wird Zeit zu einem Konstrukt und Wert des Imperiums, der von seinen Untertanen befolgt werden soll. So wird das Warten zu einem politischen Zustand, der tief in die Psyche eingreift und von denen, die unweigerlich zu dessen Opfern werden, emotional und physisch empfunden wird. Wie jede andere politische Bedingungen wird auch Warten von jedem Körper, jeder Klasse und jeder race anders erlebt.

Khosravis Überlegungen zum Warten sind in einen Machtzusammenhang eingebettet, bei dem diejenigen, auf die gewartet wird, Macht über diejenigen haben, die zum Warten gezwungen sind, bei dem Zeit Kapital ist und verschwendete Zeit ein Wertverlust, der mit begrenztem Zugängen, Privilegien und Möglichkeiten verknüpft ist. Um über dieses Gefangensein in Kapital und kolonialer Zeit nachzudenken, betrachten wir mit diesem Projekt die verschiedenen Stadien des Wartens und die Machtdynamiken, die sich in jedem Stadium finden und verschieben: die Erwartung eines Zustands des Wartens, der häufig mit der Verwirklichung eines Traums zusammenhängt; das Eintreten in den Bereich und das Erleben des Prozesses, der mit Hoffnung und Sehnsucht verbunden ist; das Bewusstsein der endlosen und miteinander verwobenen Schleifen des Wartens, das einhergeht mit der Erkenntnis von gestohlener Zeit; und schließlich die Verhandlung, die Absorption und die Negation – das Nicht-Warten–, die Kapitulation oder die vollständige Umkehrung der Machtdynamik.

Neben diesem dringenden und aktuellen Diskurs zielt dieses Projekt auch darauf ab, die vielfältigen und affektiven Formen des Wartens zu untersuchen, indem wir  die verschiedenen Stadien dieses Zustands und die sich verändernden Perspektiven des Beobachtens und Erlebens von Zeit näher betrachten. Das Projekt versteht sich als Erinnerung an die unpünktliche und unkontrollierbare Natur der Zeit, wobei wir  die Aufmerksamkeit auf die dokumentierte Geschichte lenken, die nur ein Fragment ist, das lediglich eine eindimensionale Lesart bietet. Dieses Rechercheprojekt zielt darauf ab, die Erfahrung und die Aushandlung von Zeit und Raum im Bereich des Wartens zu erkennen, zu erfassen, zu teilen und zu diskutieren sowie die politischen und sozialen Infrastrukturen zu berücksichtigen, die dieses Warten ermöglichen und verlängern.

Es ist ein Versuch, die Erzählung um ihre multidimensionale Erfahrung und ihr Verständnis zu erweitern, wo Warten oder angehaltene Zeit einen Prozess des Übergangs, der Umgestaltung, der Regeneration und der Neuvorstellung darstellt, wo Geschichtsschreibungen, Sprachen, Entitäten und Spiritualitäten, Dimensionen und Zeitlichkeiten zusammenkommen.

Warten als Abschied

Warten als inneres Potenzial

Warten als Geduld  

Warten als Einschränkung

Warten als Emanzipation

Warten als Antizipation

Warten als Langeweile

Warten als Gewalt 

Warten als Aufbruch

Warten als Angst 

Warten als Ankommen

Warten als Zeitgewinn

Warten als Außen 

Warten als unbewegliche Bewegung

Warten als Vorwärtsbewegung ohne voranzukommen

Warten als Loslassen

Warten als Macht

Warten als Parallelexistenz 

Warten als Geschichtlichkeit

Warten als Zukunft

Warten als Gegenwart

Warten als Präsenz

Warten als ein Grund zu leben

Warten als Beinahe-Erfüllung

Warten als Ruhe

Warten als Aufmerksamkeit

Warten als  Krankheit

Warten als ein kollektives Werden

Warten als Zuhören

Warten als Übersetzung

Warten als Streben

Warten als zeitliche Ebene

Warten als Beziehung 

Warten als die Distanz zu und von

Warten als Seinsform

Beim Warten handelt es sich um einen Bereich, der vom Mainstream ausgeschlossen wird, der eine Existenz an der sozialen und wirtschaftlichen Peripherie führt und daher bei der Aufzeichnung der Geschichte, der Gegenwart und der Planung der Zukunft oft übersehen und nicht beachtet wird. Ein Beispiel dafür sind die jüngsten Wahlen in Deutschland, bei denen ein wesentlicher Teil der Bevölkerung, trotz deren Beitrag zur Gesellschaft, nicht wählen durfte. Eine Bevölkerung in Wartestellung, die direkt von der Politik betroffen ist, aber nicht am Entscheidungsprozess teilhaben darf. Daher ist es von entscheidender Bedeutung, diese Erfahrungen sowie  die  Anwesenheit der Wartenden, die präsent, bewusst und wachsam sind, zu artikulieren, wahrzunehmen und zu registrieren.

Dieses Projekt knüpft an SAVVY's Projekt What The Tortoise Murmurs To Achilles On Laziness, Economy of Time, and Productivity aus dem Jahr 2016 an, das sich mit der Dekolonialisierung der kapitalistischen Natur von Zeit beschäftigte, indem es sich auf indigene Kulturen bezog, in denen der Begriff der Zeit nicht greifbar, referenziell und reflexiv ist. Diese Überlegungen zur Politik der Zeit sollen mit dem hier vorgeschlagenen Projekt fortgesetzt werden, das versucht, nicht-normative Zeitlichkeiten über ein Jahr hinweg zu entwirren. Das Projekt, das von Januar 2022 bis Dezember 2022 läuft, ist so strukturiert, dass es während dieses Zeitraums eine Eigendynamik aufbaut. Ausgangspunkt ist eine Ausstellung, die den Weg für jedes der Kapitel durch Recherche, Interaktion und Vermittlungsformate mit wartenden Menschen ebnet. Dabei werden Staatenlose, Kulturtätige, Migrant*innen der dritten Generation, Verantwortliche für infrastrukturelle Entscheidungen, Jurist*innen, Künstler*innen, Aktivist*innen und Wissenschaftler*innen in die Schaffung eines Raumes einbezogen, der das Tempo der peripheren Zeit versteht und sich daran anpasst. Dies gipfelt in einem inklusiven Raum, den wir Pausitionen nennen – vier Momente des gemeinsamen Innehaltens und Nachdenkens in Form von alle zwei Monate stattfindenden Workshops und performativen Artikulationen–, und der die Stimmen und Geschichten aufnehmen kann, die kollektive und parallele Erfahrungen und Existenzen ausmachen.