THE FACULTY OF SENSING – Thinking With, Through, and By Anton Wilhelm Amo 

THE FACULTY OF SENSING – Thinking With, Through, and by Anton Wilhelm Amo ist ein Projekt zu Ehren Anton Wilhelm Amos, einem herausragenden Philosophen des 18. Jahrhunderts. Anhand von Amos Schriften und ihrer Rezeption werden hochaktuelle Politiken der Bezugnahme, des Vergessens und der Kanonisierung diskutiert.

Von März bis September 2020 war der erste Teil der Ausstellung im Kunstverein Braunschweig zu sehen – in einer Stadt, in der Anton Wilhelm Amo atmete, spazieren ging und nachdachte. Die zweite Iteration der Ausstellung findet nun bei SAVVY Contemporary in Berlin statt – in der Stadt, in der im Sommer 2020, nach jahrzehntelangem Kampf um die Abschaffung des rassistischen Namens der M-Straße, Geschichte geschrieben wurde und als erste Straße in Deutsche in Anton Wilhelm Amo-Straße umbenannt wurde. Das Medienecho zu diesem Umbenennungsprozess und die damit verbundenen Debatten über koloniale und rassistische Denkmäler, Ehrungen, Archive und andere Spuren im öffentlichen Raum haben Amo in den zeitgenössischen Diskursen – im Alltag, im Aktivismus wie auch in akademischen Kreisen – wieder in den Mittelpunkt gerückt.

1703 im heutigen Ghana geboren, wurde Anton Wilhelm Amo als Kind entführt, versklavt und über Amsterdam nach Wolfenbüttel an den Hof Herzog Anton Ulrichs gebracht. Aufgrund von zunehmenden Rassismus floh er um 1748 nach Westafrika, wo er um 1753 starb.

Mit THE FACULTY OF SENSING – Thinking With, Through, and by Anton Wilhelm Amo beginnen wir, uns mit dem Oeuvre eines der bedeutendsten und konsequentesten Intellektuellen des 18. Jahrhunderts zu beschäftigen, dessen Werk aus "naheliegenden Gründen" weitgehend an den Rand gedrängt und sogar in Vergessenheit geraten ist. In seinem Aufsatz "The Enlightenment's 'Race' Problem, and Ours" für die Philosophieseite "The Stone" der New York Times aus dem Jahr 2013 fragt sich Justin E. H. Smith, wie und warum es sich Philosophen wie Immanuel Kant oder David Hume leisten konnten, so explizit rassistisch zu sein, zu einer Zeit, als ihr Zeitgenosse Anton Wilhelm Amo als Philosoph brillierte. Die Erklärung dafür lässt sich in den Auslöschungsprozessen finden, die Michel-Rolph Trouillot "die Vergangenheit zum Schweigen bringen" genannt hat.

Der Kanon der Philosophie ist, wie andere Kanons auch, eine Manifestation von Macht. So intransparent er auch erscheinen mag, so kennen wir doch die Codes, die bestimmte Personen in den Kanon lassen und andere außen vor lassen. Gender- oder rassifizierte Zuschreibungen, Geographie, Kolonialität – all diese Faktoren spielen bei Kanonisierungsprozessen eine Rolle. Folglich wissen wir, wie und warum Anton Wilhelm Amo Afer Guinea nie einen Platz im Kanon der Philosophie gefunden hat, obwohl er wichtige Beiträge zur deutschen und europäischen Philosophie des 18.Jahrhunderts geleistet hat. Das Projekt THE FACULTY OF SENSING – Thinking With, Through, and by Anton Wilhelm Amo ist kein Versuch, Anton Wilhelm Rudolph Amo Afer Guinea in irgendeinen Kanon einzufügen. Es ist im Gegenteil ein Versuch, den philosophischen Kanon zu dekanonisieren, indem "mit, durch und von" Amo gedacht wird.

16 internationale Künstler*innen und Gruppen wurden eingeladen, sich in weitgehend neu produzierten Werken mit dem philosophischen Gedankengut Anton Wilhelm Amos auseinanderzusetzen. Kuratorisch entwickelt sich das Projekt entlang seiner philosophischen und rechtlichen Vorschläge in Bezug auf das Ding-an-sich, dem Leib-Seele-Diskurs, der Rechtsstellung und Anerkennung von Schwarzen Menschen im 18. Jahrhundert und in der Gegenwart, der Politik von Namensgebungen sowie einer Auseinandersetzung mit komplexeren Erzählweisen zur Geschichte der Aufklärung. All dies sind Themen, die Prof. Amo in seinen akademischen Schriften behandelt hat.

THE FACULTY OF SENSING – Thinking With, Through, and by Anton Wilhelm Amo ist keine philosophische Abhandlung. Es ist ein Kunstprojekt. Es ist eine Reise, eine Untersuchung dessen, was einmal war, was hätte sein können – eine Annäherung an das Werk und Leben von Anton Wilhelm Rudolph Amo Afer Guinea. In Wirklichkeit, in der Vorstellung und in der Spekulation.

Mit Fragen nach der Umgebung, in der Anton Wilhelm Amo aufwuchs und Orten, die wir noch heute mit ihm teilen, begab sich Akinbode Akinbiyi auf eine Reise durch die Region, um eine fotografische Suche nach rudimentären Überresten durchzuführen.

Adama Delphine Fawundu teilt dieses Interesse an transhistorischen Verbindungen und arbeitet mit Wasser als verbindendem Element, das durch eine Rauminstallation aus Fotografien, Videos und einem Künstlerbuch fließt. In Anlehnung an Anton Wilhelm Amos Theorie, dass nur der lebende organische Körper fühlen kann und die Seele nicht, hat Kitso Lynn Lelliott ein videografisches Porträt von Umgebungen aus Amos Lebenswegen in Ghana und Deutschland geschaffen. Ein zweites Kapitel ringt damit, wie unzulänglich ein heutiges Nachvollziehen aus der Position der Abwesenheit ist. Die Leerstellen und bewussten Auslassungen, die Amos Biografie und Werkrezeption prägen, macht Anna Dasović mithilfe gezielter Fragen, die den Ausstellungsparcours flankieren, zum Gegenstand, wobei vorherrschende Kriterien der Kanonisierung hinterfragt werden.

In anderer Form hat sich auch das RESOLVE Collective mit den Aporien, Lücken und Widersprüchen auseinandergesetzt, die Amos Leben, philosophisches Werk und Rezeption charakterisieren. Das daraus resultierende Projekt Programming Im/Passivity (2020) unternimmt den Versuch, theoretische Prinzipien Amos in sinnliche und künstlerische Prozesse zu übersetzen, wobei die Betrachter*innen als aktive Teilnehmende in ein Workshop- und Bibliotheksumfeld involviert werden. Bernard Akoi-Jacksons Beitrag ist ein Anton Wilhelm Amo gewidmetes Lied, dessen Text von Rahinatu Taiba Ibrahim in die Sprache Nzema übersetzt wurde. Das Werk handelt von der Lebensphase Amos nach seiner Rückkehr nach Ghana im Jahr 1747 und seiner Leidenschaft des Kräuteranpflanzens.

Mit einer Raumzeichnung aus NATO-Draht und behandelten Stoffen adressiert Lungiswa Gqunta in Benisiya Ndawoni II (2020) strukturelle Gewalt, Migration im allgemeinen sowie die erzwungene Migration Schwarzer Menschen. Fragen von Ausgrenzung und alltäglicher Diskriminierung bilden auch den Ausgangspunkt von Olivier Guesselé-Garais Gedicht "Their Eyes Were Watching Cop", (2015/2020), das hier in Form einer Installation neu interpretiert wird. Claudia Martínez Garay setzt Zeichnungen, Drucke und Malereien zu einer visuellen Erzählung zusammen, die auf Herkunft, Vertreibung und Rassismus, aber auch auf einseitige Definitionen der Moderne und das problematische Verhältnis Schwarzer und Brauner Körper zu (kulturellen) Institutionen verweist. All dies sind Themen, die auch Patricia Kaersenhout in ihrer künstlerischen und aktivistischen Praxis seit vielen Jahren bewegen. Im Rahmen der Ausstellung zeigt Kaersenhout die Serie While we were Kings and Queens (2020), in der sie das Trauma kolonialer Unterdrückung untersucht, das im eklatanten Widerspruch zu den proklamierten Idealen der Aufklärung steht.

Adjani Okpu-Egbe vollzieht in seiner multimedialen Installation Decolonizing Knowledge (2020) den Brückenschlag zwischen Amos Werk, Person und einem vorgeschlagenen alternativen Kanon, der in Zusammenarbeit mit namhaften Denker*innen, Wissenschaftler*innen und Künstler*innen erarbeitet wurde. Unmittelbare Bezüge zu den philosophischen Schriften Anton Wilhelm Amos finden sich auch in den neu entstandenen Werken von Antje Majewski und Theo Eshetu. Während Majewski in Die Apatheia der menschlichen Seele (2020) individuelle Seelenvorstellungen unter Berücksichtigung von Amos Ideen in Malerei übersetzt, kommt Amo in Eshetus Videoarbeit mit Originalzitaten selbst „zu Wort“. Dass Anton Wilhelm Amos Geschichte ein besonderer aber keineswegs kein Einzelfall ist, wird auch in der Serie von Cyanotopien Good Morning Prussia (2009) von Jean-Ulrick Désert deutlich, in der an das Schicksal eines Zeitgenossen Amos erinnert wird.

Auf Initiative des Architekten Konrad Wolf wird SAVVY Contemporary für die Dauer der Ausstellung selbst zum Anton Wilhelm Amo Center (2020), das über Prozesse von strategischer Umbenennung nachdenkt. Das Performancekollektiv andcompany&Co. präsentiert eine Video-Neubearbeitung ihrer Lecture Performance Black Bismarck revisited (again), die die Berliner Afrika-Konferenz zum Ausgangspunkt nimmt, um den Folgen des Kolonialismus nachzuspüren. Die Arbeit wurde in Zusammenarbeit mit dem Staatstheater Braunschweig produziert.

Die Ausstellung wird von einem öffentlichen Programm begleitet, das aus aktuellem Anlass zum Teil online stattfinden wird. Eine von Ndikung, Hillgärtner und Kaczmarek (Mousse Publishing, Kunstverein Braunschweig) herausgegebene Publikation mit Essays von Anton Wilhelm Amo, Seloua Luste Boulbina, Victor Uredo Emma-Adamah, Paulin J. Hountondji, Jule Hillgärtner & Nele Kaczmarek, Jota Mombaça, Bonaventure Soh Bejeng Ndikung, Peggy Piesche und Justin E.H. Smith werden bei der Finissage des Berliner Kapitels von THE FACULTY OF SENSING – Thinking With, Through, and by Anton Wilhelm Amo vorgestellt.