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AUSSTELLUNG

EVERYTHING IS GETTING BETTER. Unbekannt Bekanntes vom polnischen (Post)Kolonialismus

28. April - 4. Juni 2017 | Donnerstag – Sonntag 14-19 Uhr

Eröffnung: 27. April | Symposium: 28. April

SAVVY Contemporary | Plantagenstraße 31 | 13347 Berlin


Kolonial- und Marinebund demonstriert für polnische Kolonien, Poznan, Juli 1938, aus dem Archiv von Janek Simon

Mit: Agnieszka Polska, Emma Wolukau-Wanambwa, Janek Simon, Karol Radziszewski, Linas Jablonskis, Marek Raczkowski, Oleksiy Radynski, Slavs and Tatars, Tomáš Rafa, Zbigniew Libera, Zorka Wollny with Christine Schörkhuber (on El Hadji Sy) and the Club of Polish Losers.

Kuratiert von Joanna Warsza

Architektur: Janek Simon, kuratorische Assistenz: Mirela Baciak

Eröffnung 27. April 2017 | 19 Uhr >>> FACEBOOK EVENT

Symposium 28. April 2017 | 15-19.30 Uhr >>> FACEBOOK EVENT

Angesichts der jüngsten Entwicklungen in Polen, haben Sie sich vielleicht gefragt, was da eigentlich vor sich geht? Wie konnte sich die regierungsgetriebene Rhetorik eines ‚sich aus der Unterwürfigkeit-Erhebens’ derart etablieren ebenso wie die Distanzierung von der EU, die hartnäckige Verweigerung jeglicher kritischen Selbstbefragung und die Angst vor dem ‚Anderen’?

Die Ausstellung Everything is Getting Better. Unbekannt Bekanntes vom polnischen (Post)Kolonialismus und das begleitende Symposium versuchen die Trope des permanenten polnischen Exzeptionalismus und Opferstatus (stets zwischen Deutschland und Russland hin- und hergerissen) umzudrehen, indem die kolonialen und postkolonialen Kräfte in den Blick genommen werden, die in osteuropäischen Territorien gewirkt haben. Als Hegemon seiner eigenen Geschichte verortete Polen seine expansiven Träumereien sowohl in der unmittelbaren Nachbarschaft (Ukraine und Litauen), als auch in Übersee, was auch in der derzeitigen politischen Rhetorik der Rechten nachhallt. Das Rückgrat der Ausstellung stellt die von dem Künstler-Reisenden Janek Simon performativ aufgeführte Chronik des Marine- und Kolonialbundes dar, die eine Reihe von Werken seiner Erkundungen in die kulturellen Geographien des polnischen kolonialen Erbes miteinschließt. Tatsächlich besteht die Liga Morska, der 1930 zur Etablierung von Kolonien in Kamerun oder Madagaskar gegründete Marinebund, noch heute in Form einer Meeres- und Flussgesellschaft.

In der Ausstellung wird diese Chronik von einer Auswahl an künstlerischen Arbeiten erweitert, kontextualisiert und mit Fußnoten versehen. Emma Wolukau-Wanambwa setzt sich mit der Geschichte der polnischen Flüchtlinge auseinander, die während des zweiten Weltkriegs in den Iran flohen, von wo aus einige weiter nach Uganda zogen und dort in Flüchtlingslagern lebten. Das Kollektiv Slavs and Tatars zeigt eine Reihe von Arbeiten über andere Orientalismen, ausgehend von der antimodernistischen Trope, in die Vergangenheit zurück zu blicken, sich jedoch in die Zukunft zu bewegen. Der neue Film von Agnieszka Polska bezieht sich auf das Slawentum, wie es von der renommierten Wissenschaftlerin Maria Janion untersucht wurde: ein Konzept, das einerseits Polen unbeabsichtigt näher an Russland rückt, andererseits jedoch dessen Wünsche nach westlichem Universalismus zum Preis der Selbstkolonisierung verstärkt. Karol Radziszewski schildert das Leben von August Agbola O’Brown, einem nigerianischen Jazzmusiker und Kämpfer des Warschauer Aufstands; Zbigniew Libera imaginiert den Moment des fröhlichen Anschlusses polnischer Truppen an die US Mission im Irak im Jahr 2003; der in Kiew lebende Künstler Oleksiy Radinsky macht die derzeitigen Mechanismen des polnischen infrastrukturellen Protektionismus in der Ukraine sichtbar, während der in Vilnius lebende Linas Jablonskis das imaginäre Szenario eines von Polen beherrschten Litauens entwirft. Zorka Wollny erzeugt eine akustische Erweiterung der Gemälde von El Hadji Sy, die die tödlichen Gefahren von Migrant*innen auf dem Meer thematisieren. Marek Raczkowski, Tomáš Rafa und der Berliner Klub der Polnischen Versager diagnostizieren den aktuellen Wahnsinn eines Landes, in dem politische Eliten abermals von einem Intermarium träumen – einer geopolitischen Föderation des osteuropäischen Blocks, die von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer reicht und von Polen angeführt wird. Die Ausstellung erzählt von der (post)kolonialen Psyche eines neurotischen Landes, das dem Osten genauso wie dem Westen zugleich überlegen und unterlegen sein will und wo „sich heute alles zum Besseren entwickelt.“

OPAQUE TO HERSELF. Postkolonialismus im Mittleren und Östlichen Europa

Symposium kuratiert von Jan Sowa

28. April 2017 | 15-19.30 Uhr | PROGRAMM UNTEN

Mit: Andrzej Leder, Ekaterina Degot, Janek Simon im Gespräch mit Ana Teixeira Pinto , Monika Bobako, Oleksiy Radinsky, Slavs and Tatars

Die Veranstaltung findet in englischer Sprache statt.

'Ihre Karte von Afrika ist ja sehr schön, aber meine Karte von Afrika liegt in Europa. Hier liegt Rußland, und hier... liegt Frankreich, und wir sind in der Mitte; das ist meine Karte von Afrika.' - Otto von Bismarck (in: Eugen Wolf: Vom Fürsten Bismarck und seinem Haus. Tagebuchblätter. Berlin 1904)

Von einigen Denkern wird eine etymologische Verbindung zwischen den Wörtern ”Slawe” und “Sklave” angenommen. So haben Wissenschaftler wie Fernard Braudel und Immanuel Wallerstein gezeigt, dass der Nordeuropäische Teil östlich der Elbe, welcher weitgehend von Slawen bevölkert war, die erste periphere Zone der kapitalistischen Weltwirtschaft der frühen Moderne war. Der gesamte Block der Länder, mit der Polnisch-Litauischen Union als bekanntestes Beispiel der Region, wurde in einen Zustand von Abhängigkeit und Unterentwicklung gezwungen, welches die ländliche Bevölkerung in die Leibeigenschaft zwang. Mittel- und Osteuropa kann somit historisch als die erste Peripherie betrachtet werden. Parallel dazu spielte das erste Königreich Polens und sein Hochadel eine Schlüsselrolle in der Ausbreitung der Versklavung von Landarbeitern bis in das tiefste Süd-Osteuropa in ihrem Versuch, ihr eigenes koloniales Reich durch die Annektierung von großen Teilen der Ukraine im 16. Jahrhundert aufzubauen. Diese kolonialen Bestrebungen erreichten ihren Höhepunkt im 19. und 20. Jahrhundert mit dem Aufbau des kolonialen Marinebunds. Diese Vergangenheit beeinflusst noch heute eine postkoloniale Einstellung in Polen, die eine kritische Reflektion und Auseinandersetzung mit der Geschichte des Landes verhindert und die Verwirrung über den jetzigen Zustand verlängert.

Dieses komplexe Bild vollzog in den letzten Jahren eine interessante Wandlung: nationalistischen, rechten Gruppen im Mittleren und Östlichen Europa machten sich die kritischen Werkzeuge der postkolonialen Theorie zu eigen gemacht, um „traditionelle Identitäten“ sowie „kulturelles Erbe“ zu bestätigen, die vermeintlich von einer fremden, liberalen Ideologie kolonialisiert und dominiert werden. Dies führte zu einer Form von eigentümlicher „pervertierter Dekolonisierung“ um Ekaterina Degots Ausdruck zu benutzen, in dem obskurante Einstellungen und religiöser Fundamentalismus als Versuche präsentiert werden, den eigenen einzigartigen und als gefährdet angesehenen Lebensstil zu bewahren. Interessant ist insbesondere, dass diese verdrehte, anti-kritische Nutzung von kritischen Konzepten eine Plattform für den weitverbreiteten Aufschwung der Populisten geboten hat. Im Gegensatz zu den Prognosen der Theoretiker der Moderne des 20. Jahrhunderts von Daniel Lerner bis Francis Fukuyama, scheinen die Peripherien die treibenden populistischen Kräfte zu sein, und dabei dem Zentrum die miserable Zukunft aufzuzeigen. Dies ist eine weitere Perversion, die wir vielleicht “Demodernisierung” nennen können, da sie dem Verhältnis von Zentrum und (Semi-)Peripherien oppositionell gegenübersteht. Die Zukunft des Vereinten Königreiches, Frankreichs und anderen entwickelten Nationen finden sich in Polen, Ungarn oder Russland finden, und nicht anders herum.

P R O G R A M M E

3.00 | Einführung von Jan Sowa

3.30 | Resentment, Fantasy and the Melancholic Figure of Polish Nobleman | Andrzej Leder | Präsentation und Q&A

4.00 | From Racist Europeanism to “Perverse decolonization”. A Frightening Parcours, in Russia and Elsewhere | Ekaterina Degot | Präsentation und Q&A

4.30 | Discussion

5:00 | Semi-peripheral Islamophobies. Immigration and the Polish colonial complex | Monika Bobako | Präsentation und Q&A

5.30 | Some Problems of Railway Management and Road Construction in Modern-Day Kiev | Oleksiy Radinsky | Präsentation und Q&A

6.00 | Janek Simon im Gespräch mit Ana Teixeira Pinto

6.30 | Diskussion und Schlussworte

7.00 | I Utter Other | Slavs and Tatars | Lecture performance



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