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AUSSTELLUNGS- UND PERFORMANCE-PROJEKT

THE INCANTATION OF THE DISQUIETING MUSE

Von Göttlichem, Supra-Realitäten oder der Austreiberei von Hexerei

Ein Projekt von SAVVY Contemporary und dem Goethe-Institut Südafrika.

4. Juni – 7. August 2016 | Donnerstags-Sonntags 14-19h

Eröffnung: 3. Juni 19h

SAVVY Contemporary | Plantagenstraße 31 | 13347 Berlin-Wedding

Eröffnung: 3. Juni | 19h

19-22h: Performances von Ayrson Heraclito, Priscila Rezende und Buhlebezwe Siwani & Präsentation des Buches African Futures

22.30h: DJ-Sets von Spoek Mathambo und Cambel Nomi

THE INCANTATION OF THE DISQUIETING MUSE denkt über Konzepte des Suprarealen jenseits westlicher Missverständnisse nach – mittels einer Ausstellung, Performances, Vorträgen und anderen Invokationen. Das Projekt untersucht, inwiefern sich Phänomene und Praktiken von ‘Hexerei’ in kulturellen, ökonomischen, religiösen und wissenschaftlichen Bereichen innerhalb und außerhalb Afrikas manifestieren.

Kurator: Bonaventure Soh Bejeng Ndikung, Co-Kuratorin: Elena Agudio

Co-Kuratorin des Performance-Programms: Nathalie Mba Bikoro

AUSSTELLUNG: 4.Juni–7.August 2016 | Do-So 14-19h
Künstler*innen:
Georges Adéagbo, Atis Rezistans (Henrike Naumann, Bastian Hagedorn & Guerly Laurent), Sammy Baloji, Jean-Ulrick Désert, Haris Epaminonda, Em'kal Eyongakpa, Louis Henderson, Ayrson Heráclito, Dil Humphrey-Umezulike, Patricia Kaersenhout, Kiluanji Kia Henda, Vladimir Lucien, Marco Montiel-Soto, Emeka Ogboh, Priscila Rezende, Nassim Rouchiche, Georges Senga, Buhlebezwe Siwani, Andrew Tshabangu und Minnette Vári

INVOKATIONEN: 9. – 12. Juni 2016
Vortragende & Performer*innen:
Nora Adwan, Ayodele Arigbabu, The Bakol, Jean-Pierre Bekolo, Christian Botale Molebo, Erna Brodber, Lamin Fofana, Shirin Fahimi, Sasha Huber & Petri Saarikko, David Guy Kono, Vladimir Lucien, Seloua Luste Boulbina, Percy Mabandu, Olivier Marboeuf, Lêda Martins, Carlos Martiel, Achille Mbembe (Skype), Molemo Moiloa, Katrien Pype, Greg Tate, Angela Wachuka, Wanda Wyporska und Jason Young
HIER FINDEN SIE DAS VOLLSTÄNDIGE PROGRAMM [Englisch]

The moth that enters
your house at night is a grudge
that somebody is holding
against you. It half-sits, bothered
by your light and the roof
over your head. It spreads
its small evening wherever
it lands, over the things
you love most. A dark tent
of dark intentions.

Vladimir Lucien, 'The Belief in Obeah'

Jegliches Nachdenken über die ‘Zukunft’ erfordert eine tiefgründige Betrachtung der Vergangenheit sowie der Gegenwart. Falls nicht, sind Diskurse über Zukünfte und Futurismen von vornherein eskapistischer Natur – faszinierend aus der Ferne aber weit entfernt fern von faszinierend bei näherer Betrachtung. Dieses Projekt schlägt daher vor, “Hexerei” und ihre Redewendungen, Sprichwörter, Metaphern, Symbole, Gesänge und anderweitigen Ausdrucksformen als Erscheinungen kultureller, ökonomischer, politischer, historischer, medizinischer, technologischer und wissenschaftlicher Infrastrukturen zu betrachten, auf welchen parallele Realitäten gebaut sind und auf denen Zukünfte gebaut werden können. Es wird ‚Hexerei‘ als einen epistemologischen Raum untersuchen und als ein Medium für Kontinuitäten zwischen dem afrikanischen Kontinent und der afrikanischen Diaspora betrachten.

Inadequately stressed are the aspects of witchcraft that emphasize interdependence and conviviality without obfuscating the individual or collective aspirations to dream, fantasize and explore new dimensions of being. A closer look at the everyday discourses and practices of Cameroonians suggests that witchcraft is about much more than just the dark side of humanity. As a multidimensional phenomenon, witchcraft is best studied as a process in which violent destruction and death are rare and extreme exceptions, employed mostly when all attempts at negotiating conviviality between the familiar and the undomesticated have been exhausted. Francis B. Nyamnjoh, 2005

Detailfragen zu Fachausdrücken oder Urteilen darüber, ob ‘Hexerei’ gut oder böse ist, sind hierbei nicht von Interesse. Vielmehr geht es um eine Verkomplexifizierung durch die Untersuchung von Konzepten des Übernatürlichen jenseits der Fehlannahmen westlicher Wissenschaft und Religion. Es geht darum, durch kritische Fragen neue Räume des Verstehens zu öffnen. Das Prisma von Kunst und Diskurs wird dabei eingesetzt, um ‘Hexerei’ von seiner Verortung im ‘savage slot’ zu befreien, wo sie seit Jahrhunderten von monotheistischen Religionen und der ‘Wissenschaft’ eingesperrt wurde.

In einer Ausstellung und einer Reihe von Invokationen sind Künstler*innen, Kulturschaffende und Wissenschaftler*innen dazu eingeladen, über die folgenden Facetten nachzudenken:

_ Pour en Finir avec le Jugement de Dieu. Die Austreibung von Hexerei im Ritual

“Du sollst keine anderen Götter neben mir haben” – der biblische Leitsatz verurteilt noch immer rituelle Praktiken, die nicht mit monotheistischen Religionen konform sind. In diesem Ausstellungskapitel wird ‘Hexerei’ aus einer religiösen und rituellen Perspektive betrachtet, um zu exorzieren – nicht die Geister, die der ‘Hexerei’ innewohnen, sondern vielmehr die Projektionen, die ‘Hexerei’ auferlegt werden. Artauds Pour en Finir avec le Jugement de Dieu dient hier als Metapher von ‘Hexerei’ als Anfechtung, als Durchkreuzen, als Rebellion gegen Religions- und Machturteile innerhalb kolonialer Unternehmungen sowie beim Verständnis von ‘Hexerei’ als Verkörperung von und Zustimmung zu einer Vielzahl von Göttern, Gottheiten und anderen höheren Wesen.

Künstler*innen: Georges Adéagbo, Haris Epaminonda, Georges Senga, Vladimir Lucien und Andrew Tshabangu.

_ Beyond Abyssal Thinking. Hexerei als Epistemologie

Praktiken von ‘Hexerei’ umfassen einen Reichtum an unterschiedlichsten Wissenssystemen während gleichzeitig komplexe technologische Konzepte wie das binäre System, das unsere Computer kodiert, für viele eine Form von fortgeschrittener Magie darstellt. Dieses Kapitel zielt darauf ab, abyssisches Denken und epistemische Blindheit zu überwinden, um andere Wissensökologien (Boaventura de Souza Santos) zu erforschen. Dabei wird es sich mit ‘Hexerei’ als Wissensproduktion und –verbreitung sowie als epistemologische Systeme beschäftigrn.

Künstler*innen: Em’kal-Eyongakpa, Louis Henderson, Marco Montiel-Soto, Emeka Ogboh, Buhlebezwe Siwani und Minette Vari.

_ Na who gi you for Nyongo? Über Zombifizierungsökonomien

TDieses Kapitel spielt mit Überlegungen zu Erscheinungsformen von ‘Hexerei’ aus ökonomischem Blickwinkel. Zombifizierung, also der Akt einen Menschen für ökonomischen Gewinn zu opfern, wird in auch Ekong (Douala), Nyongo (Bakweri), Shipoko (Mosambik), Obasinjom (Banyangi) etc. genannt. Sie kann verglichen werden mit Marx’ Überlegungen zu Entfremdung, da Lohnarbeit die Entfremdung vom Leben darstellt: man arbeitet nicht, um zu leben, sondern um Mittel zum (Über-)Leben zu erhalten während die Kapitalisten den Arbeitsprozess und das Produkt der Arbeit besitzen. Dies gilt ebenso für die Konzepte von Nyongo etc., die ausgelöst wurden mit Beginn des kapitalistischen Systems, im Zeitalter der Sklaverei.

Künstler*innen: Atis Rezistans, Sammy Baloji, Jean-Ulrick Désert und Dil Humphrey-Umezulike.

_ we see am fo wata. Über Supra-Realitäten und Soziopolitiken

Anekdoten, Mythen und andere Erzählungen von ‘Hexerei’ sind in vielen Gesellschaften omnipräsent – besonders in Afrika. Seien es die politischen Eliten, Familienbeziehungen, Heilungsaussichten, oder Machtbeziehungen; sei es in der Art wie eine Gesellschaft gebildet, geleitet und beschützt wird; sei es in literarischen, filmischen oder folkloristischen Ausdrucksweisen – all diese parallelen Realitäten bilden das Rückgrat der soziopolitischen Strukturen. Dies bildet sich ab in alltäglichen Ausdrücken: we see am fo wata (Haben wir im Wasser gesehen) ist eine gängige Antwort auf die Frage: Woher weißt du das denn? Es nimmt die Möglichkeit an, etwas zu wissen, das jenseits des Bereichs der Vernunft agiert, existiert und zum Ausdruck kommt. Es bedeutet, in den Abgrund des Unbekannten zu blicken, um Antworten auf Fragen zu finden, die erst noch gestellt werden müssen.

Artists:Künstler*innen: Kiluanji Kia Henda, Patricia Kaersenhout, Ayrson Heráclito, Priscila Rezende und Nassim Rouchiche.

DAS AUSFÜHRLICHE KONZEPT FINDEN SIE HIER.

THE INCANTATION OF THE DISQUIETING MUSE ist Teil des African Futures-Projekts, das vom Goethe-Institut initiiert wurde. Gefördert wird es vom Goethe-Institut sowie vom TURN Fund der Kulturstiftung des Bundes. Wie mögen afrikanische Zukünfte aussehen? Wie malen sich Künstler*innen und Wissenschaftler*innen die Zukunft aus? Welche Formen und Erzählungen des Science Fiction haben afrikanische Künstler*innen entwickelt? Wer generiert Wissen über Afrika? Welche sind die verschiedenen Sprachen, mit denen wir über Afrikas politisches, technologisches und kulturelles Morgen sprechen? Diese waren einige der Fragen, die beim Festival African Futures gestellt wurden. Drei gleichzeitige Festivals in Johannesburg, Lagos und Nairobi im Oktober 2015 erkundeten die Zukunft, in dem sie den potentiellen Narrationen und künstlerischen Ausdruckweisen in Literatur, Bildender Kunst, Performance, Musik, Film und anderen digitalen Formaten folgten. 2016 wird African Futures in Berlin in Kollaboration mit SAVVY Contemporary fortgesetzt. goethe.de/africanfutures