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AUSSTELLUNG

Cours, cours, camarade, le vieux monde est derrière toi - The Cinema of Med Hondo

Eine Ausstellung von Sebastian Bodirsky and Guy Woueté

Im Rahmen eines gemeinsamen Projekts von Arsenal – Institut für Film und Videokunst e.V., Archive Kabinett, silent green Kulturquartier und SAVVY Contemporary

26. August – 3. September 2017 | täglich 14- 19h (Montags geschlossen)

SAVVY Contemporary | Gerichsstraße 35 | 13347 Berlin

Freier Eintritt – Spenden erbeten


(c) Still aus MENU, Guy Woueté 2015

ERÖFFNUNG | 26. August 2017 | 16h mit einer Performance von Guy Woueté

KÜNSTLERGESPRÄCH | 2. September 2017 | 19h mit Guy Woueté nd Nathalie Mba Bikoro

Kurator*innen: Enoka Ayemba, Marie-Hélène Gutberlet und Brigitta Kuster

„Lauf Genosse, die alte Welt ist hinter Dir her“ – so die deutsche Übersetzung des Programmtitels – ist einer der Slogans der französischen 1968er-Bewegung, der in SOLEIL Ô (1969) Eingang gefunden hat, dem wohl bekanntesten Film des in Mauretanien geborenen und seit nunmehr 50 Jahren in der Pariser Banlieue lebenden Filmemachers, Schauspielers und Synchronsprechers Med Hondo.

Med Hondo ist ein Selfmademan, der mit der Arbeit am Theater begann und sich die Mittel des Filmemachens kompromisslos selbst aneignete. Als Regisseur hat er Filme realisiert, die die politische Brisanz der Geschichte des afrikanischen Kontinents und seiner Diaspora zum Vorschein bringen und dafür aufgeladene Bilder gefunden, die Festschreibungen davoneilen. Gleichzeitig arbeitete er daran, das Kino als Repräsentationsapparat in Bewegung zu versetzen und Alternativen zu den europäischen und amerikanischen Produktions- und Verleihstrukturen zu entwickeln. Med Hondos Filme sind Fluchtwege aus der Ignoranz gegenüber den Alltagsrassismen, Zwängen und Vorurteilen; sie öffnen einen Raum für sich, für Wut, für große Bilder, für pluriversale Geschichtsschreibung, stilistische Autonomie, für Körperlichkeiten, Farben, Temperaturen.

Sein Werk bildet das Epizentrum eines weit gefächerten recherchebasierten und diskussionsintensiven Film- und Ausstellungsprogramms. Das von Enoka Ayemba, Marie-Hélène Gutberlet und Brigitta Kuster kuratierte Programm will Med Hondos außergewöhnlichem Werk Achtung entgegenbringen, seine Wahrnehmung beleben und dazu beitragen, dass es auch in Zukunft zugänglich bleibt.

Med Hondos Kurzfilm MES VOISINS (Our Neighbours, 1971) ist Ausgangspunkt einer mehrteiligen Ausstellung mit Bewegtbild- und Sound-Produktionen von Theo Eshetu, Sebastian Bodirsky, Guy Woueté und Suhaib Gasmelbari. In sehr unterschiedlichen Formen und Herangehensweisen befragen diese Künstler in ihrer Arbeit Perspektiven der Selbstbestimmung in der medialen Repräsentation des afrikanischen Kontinents und der afrikanischen Diaspora; sie untersuchen die Wirkung und Körperlichkeit der Bilder, ihre Geschichte und die kulturellen Codes, die an ihnen hängen.

MES VOISINS MES VOISINS drückt Med Hondos Kino-Vision im Kleinen aus. Med Hondo befragt darin seine migrantischen Nachbar*innen in Paris, die unter katastrophalen Bedingungen in den Foyers wohnen und in den Fabriken den französischen Nachkriegsaufschwung erarbeiten. Er lässt sie ihre Sicht der Verhältnisse erzählen, die er mit abrupten Einschüben aus Zeichentrick und politischer Satire verschärft. Med Hondo spricht aus dem Off, wir lauschen und sehen mit ihm, was er vor mehr als 40 Jahren gesehen hat, und müssen uns fragen, wie wir heute mit diesen radikalen Bildern umgehen. Med Hondo, seine Bilder und die Akteure seines Films, sie alle fordern ein Kino ein, das sich seiner wirklichkeitsschaffenden Möglichkeiten bewusst ist und darüber hinaus auch seine Mittel und Machtstrukturen reflektiert.

Jeder einzelne von Med Hondos Filmen stellt auf je spezifische Weise die Frage in den Raum, was Kino aus einer afrikanischen Perspektive bedeutet. Mit „What is Cinema for Us?“ ist denn auch ein Text überschrieben, den Med Hondo 1979 in Framework veröffentlichte. Eine starke Frage, die in den Video-Installationen der Ausstellung ihre Resonanzen findet. Sie adressieren die Konstellationen und Praxen, in denen Repräsentationen, kulturelle Codes, Kunst, Geschichte und Kultur hervorgebracht und befragt werden können. Sie nehmen die Reflexivität im Kino auf und machen sie in einem anderen Raum außerhalb der Kino-Logik produktiv und deuten auf diese Weise Nachbarschaftsverhältnisse und Friktionen zwischen Sprachen, Bildquellen und Stimmen, zwischen Film und Kunst aus.

Die international gezeigte künstlerische Praxis von Guy Woueté findet zwischen Malerei, Skulptur, Photographie und Videoinstallation statt. Kunst ist für Woueté Mittel der Gesellschaftskritik. Viele seiner Arbeiten kreisen um die Alltagsverhältnisse in der Migration und befragen Grenzen und Akte der Grenzziehung. So unternahm er als Reaktion auf die große Schiffskatastrophe in Lampedusa 2013 einen Fußmarsch in Erinnerung an die mehr als 300 Unbekannten, die beim Versuch dieser Grenzüberquerung gestorben sind.

Sebastian Bodirsky studierte an der UdK Berlin Experimentelle Mediengestaltung; er arbeitet als Video-Editor im dokumentarischen und künstlerischen Bereich sowie als Unterstützer in wechselnden aktivistischen Zusammenhängen. 2012 organisierte er gemeinsam mit Madeleine Bernstorff und in Zusammenarbeit mit Brigitta Kuster die Werkschau René Vautier – Cinéma militant, Internationalismus, anti-koloniale Kämpfe. 2017 war er beteiligt an der Produktion von 23 Spots zur Unterstützung des Tribunal NSU-Komplex auflösen!

Das Film- und Ausstellungsprogramm um Med Hondos Werk wurde eigens um eine Reihe spezifisch installierter Kommentare, von den Kurator*innen Fußnoten genannt, an den Veranstaltungsorten im Kino Arsenal, Archive Kabinett und SAVVY Contemporary erweitert. Den Fußnoten eines Texts vergleichbar markieren die Video-Annotationen aus Found Footage und Textmaterial Stellen und Themen im Programm, weisen auf einen Aspekt hin, der im Hauptteil keinen Platz findet oder führen auf ganz andere Wege. Fußnoten folgen einer strengen Logik, beinhalten Quellen und Belege; sie sind aber auch der Raum in einem größeren Ganzen – hier das Kino, der Ausstellungsraum oder die Bibliothek – für Abwege und Besonderheiten und in dieser doppelten Ausrichtung eine reizvolle kleine Form. Als kuratorischer Kommentar legen sie außerdem eine Spur, die die Ausstellungsorte und Beiträge miteinander verknüpft.

Weitere Informationen zur Filmreihe und den weiteren Modulen des Projekts finden sich auf den folgenden Seiten

| Arsenal – Institut für Film und Videokunst e.V.

| Archive Kabinett

| and silent green Kulturquartier.

Das Projekt wird gefördert im TURN Fund der Kulturstiftung des Bundes. Herzlicher Dank an Zentrum Moderner Orient Berlin, Goethe-Institut Yaoundé, Archive Kabinett, Arsenal – Institut für Film und Videokunst e.V. und silent green Kulturquartier.