Dis-Othering:
beyond Afropolitan
and Other Labels

ist ein Kooperationsprojekt mit Creative Europe zur notwendigen Dekonstruktion von Praktiken des ‘Othering’ in europäischen Kulturinstitutionen. Es besteht aus einer Ausstellung, Symposien, einem Festival, Vorträgen und Performances, einem Residenzprogramm, einer Mapping-Forschung und einer Website, die sich 2018 und 2019 in Berlin, Brüssel, Wien und Warschau stattfinden. Diese unterschiedlichen Formate verbinden Künstler*innen, Gemeinschaften, Denker*innen und Menschen aus allen Lebensbereichen, um zeitgenössische Prozesse und Technologien von "Dis-Othering" zu beleuchten.

Mit "Dis-Othering" wollen wir ein Phänomen vorschlagen, bei dem soziale Identitätsbildung nicht durch Projektion auf das so genannte "Andere", sondern durch Projektion auf das Selbst basiert. Eine Selbstreflexion. Ein Bumerang.

Das heißt, anstatt die eigenen Fehler, Phantasien oder Ängste auf jemand Anderen zu projizieren, könnte man diese verkörpern und leben. Es geht um die Anerkennung und Verkörperung der Fülle von Variablen, die uns zu etwas machen. Das Projekt orientiert sich an dem Nguemba-Sprichwort "Leh zo, A me ke Nde za", was wörtlich übersetzt "Du behältst deins, und ich behalte meins" bedeutet. Dies ist an sich schon eine Reaktion auf die Aufforderung, Afropolitanismus auszuüben. Es geht hierbei um die Frage, wie wir mit solchen konzeptuellen Labels arbeiten können, die gut gemeint sind, ohne dabei genauer deren soziale, politische und ökonomische Konnotationen zu betrachten. Was bewirken diese und welche Prozesse der Identitätskonstruktion fördern sie?

Bei  DIS-OTHERING-BEYOND AFROPOLITAN & OTHER LABELS geht es nicht um das "Andere" - welches nur ein "Produkt" ist. Das Projekt stellt Überlegungen zu den amöbischen und verwandelnden Methoden an, die Institutionen und Gesellschaften im Allgemeinen verwenden, um "Andersartigkeit" in unserem Jetzt zu konstruieren und zu kultivieren. Es geht um die Kommerzialisierung und die Kooptierung des "Anderen", und die damit einhergehenden Strategien der Bevormundung im kulturellen Bereich.

Um die zweite Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts schrieb Phillis Wheatley, ein ehemalige Sklavin und die erste veröffentlichte afroamerikanische Dichterin, ein Gedicht mit dem Titel On Imagination. Hier stellt die Imagination den einzigen Raum für die Emanzipation der/s Sklav*in dar, ––diese ist durch den Verstand möglich, während der Körper in der Materialität der Existenz gefangen bleibt. Imagination -über das Andere, über das Unbekannte- kann als ein Raum des Widerstands verstanden werden, ein Schutz, der das Andere weniger bedrohlich macht, wie bell hooks in Displacing Whiteness (1997) argumentiert. Die Imagination aber kann eine ganz andere Rolle spielen, wie sie es seit jeher tat und weiterhin tut.

Der Titel der Ausstellung ist ein direkter Verweis auf die Schriften des Akademikers und Anthropologen Michel-Rolph Trouillot zur Frage falscher Darstellungen, zu imaginären Geografien, die für den Westen wesentlich waren (und sind) bei der Schaffung seiner narrativen Reiche und der seine Reorganisation von Bedeutung, die zur Legitimierung seiner Überlegenheit verwendet wird. Dies verläuft dialektisch durch einen großen Teil der Literatur der letzten zweihundert Jahre und gilt als Grundlage für akademische und museologische Disziplinen wie Anthropologie und Ethnologie.

Geographies of Imagination ist eine Ausstellung mit Kunstwerken, Performances und Forschungsmaterialien, die sich mit den sehr unterschiedlichen Nutzungen fiktionalisierter und stereotyper Ideen des "Anderen" und insbesondere mit der Kontaktzone zwischen ihnen auseinandersetzen. Ziel ist es, die Wichtigkeit des gegenseitigen Blicks und Rückblicks, also das politische Potenzial, das diesen Praktiken eingeschrieben ist, hervorzuheben und zu reflektieren. Praktiken, die wir als Dis-Othering betrachten können.