SAVVY.DOC:
DOKUMENTATIONS- ZENTRUM UND ARCHIV

Die radikalere Möglichkeit ist, dass sie (die Performances selbst) nicht einmal davon abhängen, ob das Ereignis tatsächlich stattgefunden hat. Es kann durchaus sein, dass unser Gefühl für die Präsenz, Kraft und Authentizität dieser Stücke nicht dadurch entsteht, dass wir das Dokument als indexikalischen Zugang zu einem vergangenen Ereignis betrachten, sondern dass wir das Dokument selbst als eine Performance wahrnehmen, die direkt das ästhetische Projekt oder die Sensibilität einer Künstler*in widerspiegelt und für die wir das anwesende Publikum sind.

Philip Auslander. 2006. The Performativity of Performance Documentation, in PAJ: A Journal of Performance and Art (28)

Das Wort Archiv ruft noch immer diese Vorstellung hervor von etwas, das überwiegend alt, staubig und konkret ist –– ein Irgendwo, das durch einen bestimmten Inhalt definiert ist, den es bewohnt und das seine Autorität durch die Wirkung der Institution erhält. Dieses traditionelle Konzept wurde von verschiedenen Autoren (Mbembe, Foucault, Derrida) derart in Frage gestellt, dass sich die Rolle des Archivs als kraftvoller Rahmen für Konstruktion und Reflexion herauskristallisiert hat.

Durch Fragen wie: Wessen Geschichte ist das? Wem gehört diese Vergangenheit? Wer ist die Autor*in? Das radikale Archiv erforscht Identität(en), schafft Beziehungen durch Dokumente und betont die Verbindung zwischen Mikro- und Makrohistoriographie.

Im Bewusstsein der Verantwortung traditioneller Archive als Staatsinstrumente, die den Akt der ‘Chronophagie’ ausführen, der dazu führt, dass manche Vergangenheiten vergessen und andere erinnert werden (Mbembe), wollen wir mit unserem radikalen Archiv einen Raum schaffen, in dem Archivar*innen, Künstler*innen, Forscher*innen und Objekte aktiv in einem performativen Archivierungsprozess interagieren. Durch dieses performative Element wird das Archiv zu einem kollaborativen Raum und einem Akt der Reflexion über unsere Gegenwart und Zukunft, und nicht zu einem Werkzeug der Kategorisierung und Beseitigung.

Die Frage des Archivs ist nicht, ich wiederhole, eine Frage der Vergangenheit. [...] Es ist eine Frage von Zukunft, die Frage der Zukunft selbst, die Frage einer Antwort, eines Versprechens und einer Verantwortung für morgen.

Jacques Derrida. 1997. Dem Archiv verschrieben: Eine Freudsche Impression. Brinkmann und Bose

Unser Archiv sammelt und organisiert die Dokumentation von Aufführungen und Performance-Kunst in verschiedenen Medien: Fotografie, Video, Text und physische Objekte. Dieses Archiv fungiert in gewisser Weise als ein körperlicher Katalog, der der Öffentlichkeit zur Verfügung steht, die sich für eine Annäherung an Performance, darstellenden Kunst und ihre Ideen, interessiert. Es dient aber auch als objektivere Plattform für das Zugänglichmachen einer solchen Praxis im Bereich der zeitgenössischen Kunst und ihre unterschiedlichen Kontexte.

Das radikale Archiv zielt darauf ab, den Zugang zu seltenen, unbemerkten oder ignorierten Dokumenten zu ermöglichen und damit zu fördern. Unsere Regale beherbergen eine Vielzahl von Texten, die von kritischer Theorie zu Literatur, Kunstzeitschriften, politischer Analyse, Ausstellungskatalogen und Gedichtbänden reichen. Das SAVVVY.doc-Archiv wächst ständig in seiner Vielfalt und Komplexität.

Der Status und die Macht des Archivs ergeben sich aus dieser Verflechtung von Gebäude und Dokumenten [...] Unter dauerhafter Erinnerung an die Beziehung zwischen dem Dokument und der architektonischen Gestaltung, in der es aufbewahrt wird, wird gewahr, dass sie auch eine Art Grab darstellen, in dem diese Überreste zur Ruhe gebettet werden...

Achille Mbembe, The Power of the Archive and its Limits, in Refiguring the Archive, 2002. Ed. by C.Hamilton et alia


Der strukturelle Körper für SAVVY.doc ist Mutant Matters, ein einzigartiges Instrument, das von SAVVY Contemporary in Auftrag gegeben und von Lorenzo Sandoval und dem Architektenkollektiv S.T.I.F.F. produziert wurde (Florentin Steininger und Till-Moritz Ganssauge). Die flexible, "mutierende" Struktur, die eine Schnittstelle zwischen Archivsystem und sozialem Raum schafft, ermöglicht verschiedene Konfigurationen und Kombinationen, je nach Bedarf und Vorlieben. Ausgehend von einem Stuhl, dem Grundmodul des Dispositivs, ergeben sich aus verschiedenen Kombinationen Bücherregal, Regaleinheit, Archivlösung, Bühne oder gar Ausstellungswand. Das Projekt soll eine Plattform für die Sozialisation und die Aktivierung der einzigartigen architektonischen Komposition bieten.