DEN PHANTOMSCHMERZ PFLEGEN. Heimat - Fortschritt, Rückschritt, Stagnation?

Im Rahmen des Projekts  WHOSE LAND HAVE I LIT ON NOW? Contemplations on the Notions of Hostipitality  und als Beitrag zur  Langen Nacht der Ideen organisiert SAVVYContemporary Vorträge, Spoken-Word-Performances, künstlerische Interventionen und Screenings als Einladung, das Paradox der 'Heimat' und seiner Konnotationen in Deutschland, Europa und darüber hinaus zu reflektieren und zu hinterfragen.

Wir weinen beim Klang der Nationalhymne und wir huldigen der Flagge. We lassen uns zu der Gepflogenheit herab, den Boden zu küssen. Keine Liebe ist blinder als die zum Heimatland.

Olu Oguibe

Eines der erstaunlichen Dinge an der gegenwärtigen eklatanten und weltweiten Verlagerung nach rechts ist, dass sie nicht wirklich eine signifikante Welle der Aufregung innerhalb der so genannten Linken hervorgerufen hat, sie hat nicht wesentlich zur Empörung der Massen und der so genannten Mitte beigetragen, sondern wurde lediglich mit meist tadelnden und entschuldigenden Rechtfertigungen beantwortet. Statt einer Mobilisierung von links haben die meisten Parteien des gesamten Spektrums in einem 'Rechtsruck' des politischen Felds nationalistische, chauvinistische, fremdenfeindliche und identitäre Konzepte und Rhetoriken übernommen, die von den rechtsextremen Parteien propagiert wurden. Auch wenn die Debatte über die ‘Heimat’ in Deutschland keineswegs neu ist, muss sie heute als ein Versuch gesehen werden, die Gefühle der Rechten zu beruhigen, die Wähler*innen zu beschwichtigen, oder die so genannten 'besorgte Bürger*innen' zu besänftigen.

Wie reagieren wir auf einen Anstieg des Rechtspopulismus und der politischen, sozialen und kulturellen Einstellungen, die radikale nationalistische Gefühle schüren? Wie verstehen wir heute die tiefgreifende rechte Logik Deutschlands und Europas? Was steckt hinter dem Phänomen Heimat?

'Heimat' könnte auch die Summe unserer individuellen Wesen, Kulturen, Religionen und Philosophien sein. ‘Heimat' könnte anspruchsvoller sein als die Banalitäten von Blut und Boden. ‘Heimat' könnte auch integrierend und einigend sein - sensibel gegenüber der historischen, politischen und wirtschaftlichen Realitäten, die die Menschen dazu gebracht haben, sich kraftvoll oder freiwillig zu bewegen. Jede ‘Heimat’, die gegensätzlich zur oben genannten ist, jagt den Wind des Mythos von einer Stadt, einer Nation oder einer Heimat, die ausschließlich Dir und Deiner 'Art' gehört. Jeder Begriff von 'Heimat', der nicht dem oben genannten entspricht, ist eher regressiv und eine bloße Liebkosung eines Phantomkörperteils.

Diese Überlegungen werden während der INVOCATIONS des Projekts WHOSE LAND HAVE I LIT ON NOW?Contemplations on the Notions of Hostipitality fortgesetzt, die vom 08.-10.06.2018 stattfinden werden (siehe unten).

[Das Zitat in der Graphik stammt von Olu Oguibe. 1996. ‘Imaginary Homes, Imagined Loyalties: A Brief Reflection on the Uncertainty of Geographies’ in Interzones: A Work in Progresseds. O. Zaya and A. Michelsen, Tabapress, Copenhagen. ]