Savvy Contemporary:
The Laboratory
of Form-Ideas

Acht Jahre nach dem Beginn von SAVVY Contemporary lohnt es sich, einen Blick in den Rückspiegel auf die Wirkungen und Ambitionen, Unruhen und Turbulenzen, Missionen und Visionen zu werfen, die zur Gründung beigetragen haben; es lohnt sich, die ausgetretenen und abseits gelegenen Pfade, auf denen wir schritten und stolperten, zu reflektieren, die Herausforderungen der Vergangenheit sowie des Status Quos darzulegen, und unsere Beweggründe und Richtungen neu zu definieren.

Als Kunstraum, diskursive Plattform, Ort für gutes Essen und gute Getränke, Njangi-Haus und Raum für Gastlichkeit positioniert sich SAVVY Contemporary an der Schwelle zwischen Vorstellungen und Konstrukten des Westens und des Nicht-Westens, vor allem um zu verstehen und zu verhandeln, und natürlich auch um die Ideologien und besonderen Konnotationen dieser Konstrukte zu zerlegen. Hierfür scheint es angemessen, die kosmogene Kraft von Künstler*innen und künstlerischer Praktiken heraufzubeschwören, einzuberufen und anzuwenden, um uns von ihr leiten zu lassen. Auf dieser Reise beschäftigt sich SAVVY Contemporary mit dem, was Paget Henry als die “poetische Kraft künstlerischer Praxis” bezeichnet, “alte Identitäten zu ent-nennen und neu zu benennen und zu ent-gründen, neue Indentitäten zu gründen, aufgezwungene Stimmen zu dämpfen und verlorene wieder einzufordern”, im Bestreben, die “Krisen des Gefangenseins” zu lösen. 

Der Drang über Fragen von Gemeinsamkeit und Gastlichkeit nachzudenken, mit diesen zu experimentieren und sie erfahrbar zu machen, ist einer der Schwerpunkte in der Arbeit von SAVVY Contemporary. In Anbetracht des Anstiegs an xenophober und rassistischer Gewalt, der sich weitenden Gräben zwischen Klassen und wirtschaftlichen Realitäten, der wieder aufpolierten hegemonialen Strukturen in den letzten Jahren und Jahrzehnten, ist es notwendiger denn je über Gastlichkeit nachzudenken. Wir probieren, aktiv und performativ Strategien des Ignorierens, Abschaffens, Neutralisierens von Distanzen und Hindernissen zwischen Selbst und Ego, zwischen Selbst und Anderen, oder gar die Existenz des Selbst und des Anderen als Differenzierungskategorien zu widerlegen. Eine mögliche Methode, dies zu verwirklichen, ist eine Praxis der radikalen Gastlichkeit und des Teilens.  

SAVVY Contemporary ist ein Raum für epistemologische Vielfalt – ein Raum, der Boaventura de Sousa Santos’ Forderung “Ein anderes Wissen ist möglich” verkörpert und herausschreit. Durch das Abrücken vom “Gottes-Trick”, das allsehende Auge westlicher Wissenschaft, das sich als allwissende*r Beobachter*in sieht, bringt Donna Haraway das Bild des verkörperlichten, komplizierten, aktiv sehenden Auges ein, das eine gespaltene und widersprüchliche Beobachter*in ist. Ihre Argumente hallen in unserer Praxis wider – Argumente für Politik und Epistemologie von Örtlichkeit, Positionierung, und Situierung, wo Eingenommenheit und nicht Universalität die Bedingung ist, um rationale Wissensanprüche hörbar zu machen. Bei SAVVY Contemporary eignen wir uns Vorschläge für ein Sehen vom Körper aus an, der immer ein komplexer, widerspruchsvoller, strukturierender und strukturierter Körper ist, gegen den Blick von oben, von nirgendwo oder aus der Einfachheit heraus. Wir treiben dies weiter und nennen es “Verbundene Verortete Wissen”, oder einfach “Verbundene Wissen”. Wenn man von diesen Körpern aus schaut, stellt man sie auch in Beziehung, Assoziation und Gesellschaft zueinander und zu deren jeweiligen sozialpolitischen Ökologie. Dadurch setzt man nicht nur die Körper in Bezug zueinander, sondern auch ihre verkörperten Wissen, Historien und Erinnerungen. In diesem Sinne agieren Kunst und Ausstellungsmachen als Katalysatoren.

Wir zelebrieren diese Pluralität von Epistemologien durch die Artikulation von Wissensausformungen als Mittel der Dekolonialisierung von der Singularität eines Wissens. Wir streben daher danach, Gegenmittel zu den epistemologischen Aktivitäten zu produzieren, die global überall praktiziert werden durch die Aufnahme und das Preisen von Kenntnissen und epistemischen Systemen aus Afrika und der afrikanischen Diaspora, dem Asien-Pazifik-Raum, Lateinamerika, ebenso wie aus Europa und Nordamerika. Wir haben uns also entschieden, andere Medien, die Wissen tragen und verbreiten zu erkunden, wie Körper, Musik, Geschichtenerzählen, Essen und Nahrung, Performativität verschiedener Arten wie z.B. Tanz, Theater, Performance Kunst etc, um gegen den Strom der aufklärerischen Auffassung von Verstand zu schwimmen.

SAVVY Contemporary sieht sich als performativer Raum, einerseits weil es ein Raum ist, der dauerhaft im Entstehen begriffen ist, aber auch weil es ein Raum ist, der philosophische Konzepte des verkörplichten Geistes erkundet, wie sie in vielen nicht-westlichen Philosophien aufgefasst werden; wir praktizieren daher die Tatsache, dass menschliche Erkenntnis nicht nur vom Gehirn geleitet wird, sondern auch den Körper betrifft, der kognitive Aufgaben wie Konzeptualisierung, Argumentation und Beurteilung ausführt, aber auch durch Interaktionen mit der Umwelt und der Welt im Allgemeinen. Ebenso sehr, wie wir uns auf wissenschaftliche Kreise beziehen, kultivieren wir auch die “Hochschule der Feuerstelle”, also all jene Geschichten, Erzählungen und Rezitationen, die ums Feuer herum erzählt werden, als unsere eigenen legitimen Quellen. Es geht hier nicht darum, einen neuen oder parallelen Kanon zu erschaffen, sondern die Idee eines Kanons gänzlich zu dekanonisieren.

Ein wichtiger Teil unserer Kultur ist das außerdisziplinäre Arbeiten. Bei Teammitgliedern aus zwölf Ländern und fünf Kontinenten, die als Biotechnolog*innen, Kunsthistoriker*innen, Kulturtheoretiker*innen, Anthropolog*innen, Designer*innen und Künstler*innen ausgebildet sind, denken wir, dass interdisziplinäres Arbeiten nicht genug ist; man muss auch fähig sein, sich selbst vom engen Korsett der eigenen Disziplin zu befreien. Wenn Glissant darüber spricht, dass man die Geschichte nicht allein den Historikern überlassen darf, fordert er gerade diese ‘Extradisziplinität”. Durch extradisziplinäres Denken erkennen wir die Grenzen und Fehler unserer Disziplinen an und setzen uns für Entlernensprozesse ein, um das Erlernen von Neuem überhaupt zu ermöglichen.

Zusammengefasst, SAVVY Contemporary schafft Raum, um die Kolonialitäten von Macht (Anibal Quijano) zu reflektieren und darüber nachzudenken, wie diese Geschichtsschreibungen, Geographien, Gender und und Ethnizität beeinflussen. Es ist ein Raum in dem epistemologischer Ungehorsam und Entkoppeln (Walter Mignolo) praktiziert werden, ein Raum für dekoloniale Praxis und Ästhetik. Wir schlagen vor, Sylvia Winter zu folgen “towards the Human, after Man.”